Kenne ich dich?

In meinen ersten Ferien musste ich mal wieder ins Krankenhaus. Hatte immer öfter unklare, starke Bauchschmerzen, so dass meine Mutter so manche Nacht bei mir am Bett verbrachte.
Besuche in der Kinderklinik waren damals offiziell nicht gern gesehen.

Sie waren aber jeden Tag da und haben sich nach mir erkundigt. Die Schwestern sagten zu mir: „Schau mal aus dem Fenster“. Von da aus konnte ich meine Eltern sehen. Sie gingen draußen spazieren und ich habe ihnen fleißig gewunken. Ich habe jeden Tag auf diesen Satz gewartet.

Vom Grund her fühlte ich mich da doch recht wohl. Ich hatte mich mit den anderen Kindern angefreundet. So weit ich mich erinnern kann, waren die Schwestern auch immer sehr lieb und nett zu uns. Da ich die ersten zwei Tage nichts essen durfte, war ich in einem Zweibettzimmer untergebracht. In diesem Zimmer lag ein Junge. Er hatte eine schwere Operation hinter sich, da er sich bei einem Unfall eine schwere Bauchverletzung zugezogen hatte. Aufgrund von Schmerzen weinte er viel und ich aus Solidarität mit.

Ein weiterer Grund war die Einweisung ins Krankenhaus und die Trennung von meinen Eltern. Es kann sein, dass diese schlechten Erfahrungen, welche im Unterbewusstsein vorhanden waren, aufleben ließen.

Die Schwestern mussten sein Bett beziehen und legten ihn so lange zu mir mit rein. Da waren wir mit einem mal ganz ruhig und freuten uns, dass wir uns mal sehen konnten. Ich habe mich kaum gewagt zu bewegen, wollte ihm ja keine Schmerzen zu fügen.

Er wollte, eines Tages wieder zu dem kleinen Mädchen, die so lieb war und nicht so oft geschrieen habe. Das Kind, was nach mir da rein kam, hat wirklich fast die ganze Zeit geweint. Er äußerte öfter den Wunsch mich besuchen zu wollen. Nichts einfacher als das. Die Schwestern brachten ihn zu mir und wir konnten schon ein wenig miteinander spielen, denn es ging ihm deutlich besser. Aber immer schön vorsichtig, dass er sich nicht stößt und keine Schmerzen bekam.

Die letzten drei Tage meines Aufenthaltes war entweder ich bei ihm oder er bei mir. Den letzten Nachmittag meines Krankenhausaufenthaltes, hatten wir die Möglichkeit im Spielzimmer der Station zu sein. Zwar nur kurz, weil er noch nicht so lange aus dem Bett durfte, aber wir freuten uns. Eine Schwester blieb auch im Spielzimmer, denn die Großen waren auch nicht immer gerade die artigsten.

Je mehr ich heute darüber nachdenke, umso öfter werde ich den Gedanken nicht los, ob dieser Junge nicht eventuell mein Bruder Paul war? Es war auffallend, dass die Schwestern gerade uns immer wieder zusammenbrachten. Im Krankenhaus könnte es, durch meine häufigen Aufenthalte durchaus sein, dass dem Personal mein alter Name bekannt war. Meine leibliche Mutter wohnte zu dieser Zeit auch im Einzugsbereich des Krankenhauses.

Heute weiß ich, dass mein Bruder Paul einen schweren Unfall hatte und zeitlich könnte es durchaus auch passen. Wenn es an dem war, muss es für die Schwestern eine schwere Situation gewesen sein zu wissen, dass es Geschwister sind, es aber nicht sagen zu durften. So war es aber mal möglich, die Geschwister ohne ihr Wissen, wenigstens für kurze Zeit zusammen zu führen. Keine schlechte Idee, die sie da hatten. Nach meinen Erinnerungen, war es auch eine der älteren Kinderkrankenschwestern, die uns das erste mal zusammengeführt hat.

©: Heidrun