Im Rückspiegel

Jürgen T. (57) fühlte sich seit jeher mit seinem Zwillingsbruder Uwe verbunden, auch wenn der nur in seiner Gedankenwelt existierte. Denn Uwe ist tot. Doch Jürgen T. hatte immer so einen Verdacht, dass an dieser Legende irgendetwas nicht stimmte.
Die Zwillinge wurden am 29. Mai 1960 im sächsischen Meerane (Landkreis Zwickau, DDR) geboren. Uwe um 1.30 Uhr, Jürgen eine Stunde später gegen 2.30 Uhr. Die Kinder waren Frühchen, im siebten Monat entbunden. Die Geschichte, die ihm seine Mutter später erzählte, ging so: Im Wäschekorb seien sie nach der Geburt ins Kreiskrankenhaus Zwickau gebracht worden.

Sie selbst sei auf der Wöchnerinnen-Station in Meerane geblieben. Zwei Tage später hätte sie die Nachricht erhalten, Uwe sei am Tag nach der Geburt in Zwickau verstorben und mit in das Grab eines anderen Patienten gelegt worden. Wo die Grabstelle war, sei ihr nicht mitgeteilt worden. Lediglich eine Sterbeurkunde hätte sie erhalten. Fragen zu der Geschichte hatte in der Familie nie jemand gestellt.

Dann kam der Tag im Sommer vor zehn Jahren: Jürgen T., der seit den 70er-Jahren in Berlin lebte, fuhr mit seinem Auto auf der Berliner Stadtautobahn Richtung Norden. Auf Höhe Dreieck Charlottenburg stockte der Verkehr, die Wagen waren dicht hintereinander.

„Kurz vor dem Zubringer Seestraße guckte ich in den Rückspiegel und sah im Fahrzeug hinter mir – mich selbst“, sagt Jürgen T. „Der Mann, der da am Steuer saß, hatte mein Gesicht, nur seine Haare waren etwas länger.“
Jürgen starrte immer wieder in den Spiegel. „Doch, bevor ich reagieren konnte, fuhr der andere auf den Autobahn-Zubringer Richtung Hamburg, ich weiter geradeaus.“

Jürgen T. fühlte sich in seinem Instinkt bestätigt. Er wollte mehr wissen, schrieb an das Krankenhaus Zwickau, heute Heinrich-Braun-Klinikum, und bat um die Unterlagen von damals. Tatsächlich, das Obduktionsprotokoll seines toten Zwillingsbruders Uwe wurde ihm ausgehändigt.

In der pathologisch-anatomischen Diagnose hieß es: „Uwe T., 46 cm Länge und 1775 g Gewicht, Tag und Stunde des Todes: 30.5.60, 18.55 Uhr. Diagnose: Fruchtwasseraspiration“ (Eindringen von Fruchtwasser in die Atemwege, Anm. d. Red.). Im histologischen (mikroskopischen) Befund dagegen steht: „Kein Anhalt für Aspiration.“

Erst die seltsame Version mit dem Wäschekorb und der Grabstelle, dann Widersprüche im Obduktionsbericht. Jürgen T. sagt: „Ich glaube, dass mein Zwillingsbruder noch lebt.“ Er vermutet: „Vielleicht wurde er zu Leuten gegeben, die keine Kinder bekommen konnten.“

Fakt ist: zu DDR-Zeiten hat es rund 72 000 Adoptionen gegeben, teilweise aus politischen Gründen oder zum Zwecke der Repression. Wie viele davon ohne Zustimmung der Eltern erfolgten, ist unklar. Bis heute wurden etwa 10 000 Betroffene von Zwangsadoptionen gezählt. Zudem sollen Jugendämter Babys nach der Geburt haben verschwinden lassen.

Andreas Laake (56) von der Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR schätzt, dass es bis zu 5000 Fälle von fingiertem Säuglingstod gegeben hat. „Es könnte sich in diesem Fall um so einen Säuglingsraub handeln“, sagt er. „Typisch dafür ist, dass es in den Unterlagen Widersprüche gibt.“

Quelle: Bild.de